Dr. med. Inge Flehmig (1925-2018)

In Memoriam

Inge Flehmig, geboren am 24. Januar 1925, verstarb am 22. August 2018 nach längerer Krankheit an ihrem Geburtsort Hamburg.

Mit Frau Dr. med. Inge Flehmig verlieren wir eine bedeutende, herausragende und charismatische Pionierin der Entwicklungsneurologie und Entwicklungstherapie, die man als weibliches Pendant zu den Entwicklungsneurologie-“Vätern“ der ersten Stunde (Hellbrügge, Prechtl, Schlack, Pechstein und Michaelis) einstufen kann, also gewissermaßen als „Mutter“ der deutschen Entwicklungsneurologie.

Geboren als erstes Kind des nicht-jüdischen Hamburger Verlegers Johannes Asmus und der Pädagogin Hertha Feiner-Asmus wurde sie 1931 eingeschult an der Reformschule Meerweinstraße, an welcher auch ihre Mutter tätig war. 1933 erfolgte die Trennung der Eltern, die Mutter wurde aus dem Schuldienst entlassen, Inge der Schule verwiesen. Nach Hilfslehrertätigkeit der Mutter an der jüdischen Schule Johnsallee wechselte Hertha Feiner-Asmus 1935 mit Inge und deren zwei Jahre jüngeren Schwester Marion in eine Anstellung an die „Jüdische Waldschule“ in Berlin-Grunewald, danach an eine Schule nahe des jüdischen Gemeindezentrums Fasanenstraße. Nach dem Novemberpogrom 1938 suchte Inges Mutter nach einer Möglichkeit, die Kinder außer Landes zu bringen, was ihr unter Vermittlung des Vaters März 1939 in ein Schweizer Internat gelang.
Zunehmend extremere Repressionen durch die Nazis führten zu Zwangsverpflichtung der Mutter in der jüdischen Gemeinde mit Teilnahme an der Vorbereitung von Deportationen. Selbst deportiert, nahm sich Inges Mutter 1943 auf dem Transport nach Auschwitz das Leben.
Inge Flehmig heiratete ihren Mann Dr. med. Rolf Flehmig am 8. Mai 1945 fast zeitgleich mit dem Kriegsende. Er unterstützte sie in der über 70 Jahre dauernden Ehe bis zu seinem Tod.
Weil dem Vergessen auch in diesem Nachruf kein Raum gegeben werden soll, wird diese Vorgeschichte ausdrücklich vorangestellt: Inge Flehmigs Leben und Wirken wurde durch dieses Trauma – aber auch durch die Bewunderung für ihre Mutter – unauslöschlich geprägt, dies gilt nicht zuletzt auch für ihre ganze Familie.

Bezüglich Inge Flehmigs medizinisch-wissenschaftlicher Vita ist zunächst ihr Studium in Berlin zu nennen mit Staatsexamen 1959, es folgten Aufenthalte in London in den späten 1960er Jahren und in Denver in den 70ern; diese führten zur Beschäftigung mit Entwicklungsdiagnostik sowie mit der Sensorischen Integration nach Jean Ayres. Inge Flehmigs Dissertation 1975 an der Freien Universität Berlin trug den Titel „Untersuchungen zur Frühdiagnose cerebraler Bewegungsstörungen“.

Bekannt wurde sie durch ihr Buch „Die Normale Entwicklung des Säuglings und ihre Abweichungen; Früherkennung und Frühbehandlung“, die deutsche Normierung des Denvertests und des Psycholinguistischen Entwicklungstests, vor allem aber über ihr Engagement im Bereich der Bobath-Therapie und der Sensorischen Integrationsbehandlung nach Jean Ayres, sowie die Übersetzung von deren Standardwerk „Bausteine der kindlichen Entwicklung“. Früh und intensiv assoziierte sie sich mit verschiedenen Entwicklungstherapeutengruppen, allen voran den Physiotherapeuten. Eine enge Freundschaft verband sie mit dem Ehepaar Bobath; Inge Flehmig begründete das Hamburger Werner-Otto-Institut mit, ließ sich 1973 zusammen mit der Bobath-Therapeutin Meike Weitemeier in eigener Praxis in der Rothenbaumchaussee 209 nieder, gründete das Institut für Kindesentwicklung (IKE, ab 2008 Förderverein Kindesentwicklung e.V.), wo sie bis zuletzt neben klassischen Bobathkursen Lehrerweiterbildungen und Ärzteseminare, Psychomotorik- und Sensorische Integrationskurse sowie zahlreiche andere Fortbildungen und Informationsveranstaltungen organisierte und leitete. Die Praxis baute Nebenstellen auf: 1983 in der Hamburger City Nord für Psychomotorik (auch mit Johnny Kiphard arbeitete sie früh zusammen); aus der „Risikoambulanz“ in Lüneburg (seit 1978) entwickelte sich eine große multidisziplinäre Nebenstelle (bis 1994). Jahrzehntelang erfolgte interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den Therapiestationen in Fleestedt, Tostedt und Winsen.
Mit der Blüm´schen Gesetzesnovelle (§119 SGB V) bekam die mittlerweile sehr große Gesamtorganisation der „Flehmig-Praxis“ 1989 als neues Sozialpädiatrisches Zentrum eine sichere und langfristig planbare wirtschaftliche Basis. Danach erfolgte der Neubau und Umzug in die Rümkerstraße. Wichtige neuere Aspekte erweiterten das Gesamtspektrum: Systemische Familientherapie (engagiert vertreten vor allem durch die Tochter Christiane Flehmig), Dialog/ Papoucek, Feldenkrais, Osteopathie, Tomatis/Klangtherapie, Kunsttherapie sind nur einige kurze Hinweise an diesem Ort.

Energiegeladen wie sie war, hatte Inge Flehmig viele Visionen und Passionen. Ihr Ansatz war hochgradig kindzentriert. Wichtig erschien ihr ein basales Herangehen im Dialog und mit Respekt für die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Menschen in ihren Körpernahsinnen (Haut-, Kraft- und Gleichgewichtssinn), wofür sie bei einer Auffälligkeit in diesen „Basissystemen“ den Ausdruck „taktil-kinaesthetisch-vestibuläre Wahrnehmungsstörung“ prägte. Der „Tonus“ wurde als zentraler Indikator identifiziert (bei allen Kindern schaute sie immer und vor allem auf die Füße!). Überforderung oder gar Zwang bzw. Übergehen der kindlichen Signale konnte sie massiv empören, nicht nur im früheren „Religionskrieg“ Bobath vs. Vojta, auch im Bewerten von Therapien in der eigenen Einrichtung. Videodokumentationen, unermüdlich durchgeführt durch ihren Mann, den Radiologen Dr. med. Rolf Flehmig, halfen bei z.T. heftigen Diskussionen im Falle strittiger oder gar negativer Therapieabläufe („man kann nicht üben, was man nicht kann!“). Meist aber blühten die Kinder auf beim Matschen, Schaukeln, Trampolin- oder Airtramp-Springen, im Budo-Raum oder auf der Riesenrutsche, vor allem aber, wenn sie Wertschätzung und Selbstwirksamkeit erfuhren. „Reculer pour mieux sauter“ oder „Wenn Ihr´s nicht fühlt, Ihr werdet´s nie erjagen“ waren Inge Flehmigs immer wiederkehrende Leitsprüche: Sie war sicher kein „splitter“, eher ein „lumper“, eine Generalistin mit radikal humanistischem Ansatz, was allerdings bei manchen Fachkollegen Widerspruch herausforderte. Eine „quantité negligable“ wollte sie nie sein, war sie aber auch nie. Es wurmte sie, wenn man nur auf der „Erscheinungsebene“ blieb und darunter liegende Probleme, z.B. in der Familie oder der Beziehung, nicht sah.

Großzügigkeit im Materiellen wie im Denken zeichnete diese ungewöhnliche Frau aus. Sie interessierte sich z.B. für Lateralisation, somit wurde die Praxis für eine Woche geschlossen und eine Tagung mit seinerzeit führenden Spezialisten (Prof. Nettleton u.a.) für Fachleute und alle Praxismitarbeiter eröffnet. Das 1. Europäische Seminar für Entwicklungsneurologie 1983 im Congress Centrum Hamburg stellte wie das spätere 2. Europäische Seminar für Entwicklungs-neurologie 1985 ein absolutes Highlight mit Leuchtturmfunktion dar.
Für neue Ansätze und Therapien zeigte sie immer ein offenes Ohr, vor allem, wenn sie am Kind und im Alltag Wirkung zeigten. Zentral blieb aber der Ansatz Humanität – Dialog – Sensorische Integration.

In Würdigung ihres Engagements für behinderte Kinder und deren Angehörige wurde Inge Flehmig bereits 2001 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Durch ihr Dahinscheiden verliert die nationale und internationale entwicklungsneurologisch-therapeutische Gemeinschaft und damit die Neuropädiatrie nicht nur eine langjährig prägende und herausragende Wegbereiterin der ersten Stunde, sondern auch eine bis zuletzt hoch menschenwendige, mutige Netzwerkerin und Visionärin, die wir alle sehr vermissen werden.

Frau Dr. med. Inge Flehmig hinterlässt Ihre Tochter und deren Angehörige sowie ungezählte TherapeutInnen, FreundInnen, SchülerInnen und viele zutiefst dankbare Bewunderer.

Lüneburg, den 5. Februar 2019

Dr. med. R. Rainer Gabriel
Kinderneurologe, Ehrenmitglied der GNP

Bild: Dr. med. Inge Flehmig (1925-2018), aus: The Lancet (www.thelancet.com), Vol 366, July 9, 2005, Seite 115
Foto: Ned Stafford (Original in Farbe)
DOI: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(05)66854-7