Kinderneurologen warnen vor unterschätzen Gefahren durch neurologische Spätfolgen

Viele Masernerkrankungen verlaufen glimpflich, ohne Spätfolgen. Aber bei etwa jedem tausendsten Erkrankten überwindet das Virus alle Barrieren im Körper und gelangt an die Hüllen des Gehirns (die sog. Hirnhäute) oder sogar in das Gehirn selbst. Es kommt zu einer sogenannten Meningitis bzw. Enzephalitis. Vor der Einführung der Impfung bekam fast jeder Mensch Masern, weil sie hochansteckend sind. Durch die Einführung der Impfung in Deutschland seit den 1980er Jahren ist nicht nur die Anzahl an Erkrankungen, sondern auch die Anzahl der Patient*innen mit den schweren Komplikationen in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. Aber immer noch erkranken insgesamt ca. 9-10 Kinder pro Jahr in Deutschland an einer der verschiedenen Formen von Masern-Enzephalitis. Besonders gefährdet sind Kinder mit geschwächtem Immunsystem – egal ob dies ein angeborener Immundefekt oder die Folge z.B. einer rheumatischen Erkrankung oder einer medizinischen Behandlung z.B. auf-grund einer Epilepsiebehandlung bei einer sog. Tuberösen Sklerose oder aufgrund einer Krebsbehandlung ist. Da eine ursächliche Behandlung gegen die Masern-Viren bis heute nicht möglich ist, bleibt die Impfung so wichtig.


Bild: Masernvirus im Elektronenmikroskop, Ultradünnschnitt (Bildquelle siehe unten)

Keine harmlose Kinderkrankheit

Masern sind ganz sicher keine „harmlose Kinderkrankheit, die jedes Kind möglichst früh durchmachen sollte“, wie immer wieder mit Verweis auf angeblich entwicklungsfördernde Effekte der sog. Kinderkrankheiten behauptet wird. Die Letalität von Masern gibt die World Health Organisation (WHO) für die entwickelten Länder wie Deutsch-land mit 0,05 bis 0,1% an, d.h. dass von 10.000 Erkrankten 5 bis 10 Menschen sterben .
Die Gesellschaft für Neuropädiatrie (GNP) beobachtet mit großer Sorge eine immer noch große Zahl an Eltern, die ihre Kinder nicht oder erst spät gegen Masern impfen lassen. Dabei spielt sicherlich auch eine große Rolle, dass die Opfer einer Masernerkrankung für die meisten Menschen nicht sichtbar werden. Diese Opfer erleiden oft neurologi-sche Komplikationen oder müssen mit schweren neurologischen Folgeerkrankungen und Behinderungen leben. Es ist sehr menschlich, dass Gefahren, die an Häufigkeit abnehmen, aus dem Bewusstsein der Bevölkerung verdrängt werden. Aber die Gefahr ist heute immer noch groß, v.a. für die besonders verletzlichen in der Gesellschaft, z.B. ganz kleine Kinder und Menschen mit geschwächten Immunsystemen. Das sollte nicht vergessen, sondern der Schutz dieser Menschen auch als gesellschaftliche Aufgabe verstanden werden.
Die WHO hat als Ziel zur Ausrottung der Masern errechnet, dass nicht mehr als 1 Fall pro 1 Mio. Einwohner pro Jahr auftreten sollte. Das wären in Deutschland weniger als 83 Neuerkrankte pro Jahr. In Deutschland wurden aber im Jahr 2018 insgesamt 543 Masernfälle gemeldet . Immer wieder kommt es zu größeren Ausbrüchen (z.B. 2015: 2.465 gemeldete Masernfälle, 2013: 1.7.68, 2011: 1.6082), in den letzten 10 Jahren wurden lt. RKI 10.512 Masern-erkrankte gemeldet. Das bedeutet: ca. 10 bis 30 akute Enzephalitis-Erkrankte, 10 Patient*innen mit einer Post-Masern-Enzephalitis (PME) und mind. 1 Fall von Subakuter Sklerosierender Panenzephalitis (SSPE) im Abstand von 6-15 Jahren nach der Maserninfektion.
Länder wie Deutschland haben dabei aber auch eine große Verantwortung für die Weltgesundheit. Aufgrund der vielfach deutlich schlechteren medizinischen Versorgung liegt in vielen Ländern Afrikas, Lateinamerikas oder dem Nahen und Mittleren Osten die Rate der fatalen Komplikationen wie Enzephalitis bei über 5% der Erkrankten , mit entsprechend hohen Todesfallzahlen. Dabei sind Masern heute vermeidbar, eine Impfung ist für fast jeden Menschen gut verträglich und auch neurologische Grunderkrankungen sind in der Regel keine Gegenanzeige gegen diese Impfungen.

Warum diese Pressemeldung?

Die Gesellschaft für Neuropädiatrie (GNP) will mit dieser Pressemeldung darauf hinweisen, dass die Komplikationen und Spätfolgen von Masern auch heute in Deutschland auftreten, und dass sie durch die Impfung weitestgehend vermeidbar sind.

Die GNP unterstützt mit dieser Pressemeldung ausdrücklich die Stellungnahme der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ), die mit ihrer Kommission für Infektionskrankheiten und Impffragen (Sprecher: Prof. Dr. med. Ulrich Heininger, Basel) ausführlich den aktuellen Gesetzentwurf des Bundesgesundheitsministeriums zur Impfpflicht kommentiert hat. Die dazugehörige Pressemeldung der DAKJ vom 17. Juni 2019 finden Sie hier.

Pressemeldung als PDF

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Impfpflicht: hilfreich oder eher kontraproduktiv?

Alle Eltern wollen nur das Beste für ihr Kind, jede*r Patient*in möchte frei entscheiden können, was für ihn das Bes-te ist. Viele Menschen fühlen sich überfordert, „alle“ Fakten auch nur zum Thema (Masern-) Impfung abzuwägen. Deshalb ist die individuelle, fundierte und hinreichend ausführliche Beratung durch Ärzt*innen extrem wichtig.
Aktuell wird in Deutschland die Einführung einer Impfpflicht für Kinder diskutiert. Hierbei dürfen aber die Jugendli-chen und Erwachsenen nicht vergessen werden. In diesen Altersgruppen bestehen oft größere Impflücken, und Maserninfektionen können auch jenseits des Kindesalters neurologische Spätschäden verursachen. Es ist unum-gänglich, die Ressourcen für Beratung und Aufklärung zu stärken und zu vermehren, d.h. u.a. mehr Möglich¬keiten für Ärzt*innen zu schaffen, über Impfungen aufzuklären.
Jede einzelne Impfung ist wichtig! – und schützt die geimpfte Person selbst, aber auch seine Familie, Freunde, Nachbarn und das ganze Umfeld.
Die GNP versteht sich als Anwalt aller Kinder und Jugendlichen mit neurologischen Erkrankungen und Behinderun-gen und befürwortet deshalb einen aufgeklärten Umgang mit dem Thema Impfungen allgemein und plädiert bzgl. der Masernimpfung vor allem für noch stärkere Anstrengungen bei Information und Aufklärung, insbesondere auch um neurologische Komplikationen und Spätfolgen impfpräventabler Erkrankungen zu verhindern.


Bild: Impfung beim Kind. Richtige Technik – geringer Schmerz (Bildquelle siehe unten)

Pressemeldung als RTF

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Bildnachweise

  • Masernvirus (Elektronenmikroskopie). Photo Credit: Cynthia Goldsmith für Centers for Disease Control and Preven-tion’s Public Health Image Library (PHIL), identification number #8429
  • Masernvirus (3D-Modell). Photo Credit: Alissa Eckert für Centers for Disease Control and Prevention’s Public Health Image Library (PHIL), identification number #21073
  • Impfung. Photo Credit: Katja Fuhlert für Pixabay (Katja Fuhlert auf Pixabay)