In Memoriam

„Laudationes sollten nur zu Ehren Lebender gehalten werden, was hat der Tote noch davon?“

war die Meinung von Professor Franz-Joseph Schulte. Dennoch werden wir ihm einen Nachruf, also eine Laudatio post hum, widmen in der Hoffnung, dass er zu seinen Lebzeiten ausreichend positive Rückmeldungen erhalten hat.

Geboren wurde Franz-Joseph Schulte am 19.03.1930 in Hagen in Westfalen. Seinen ursprünglichen Berufswunsch Automechaniker zu werden, gab er zu Gunsten des Medizinstudiums, dass er in Münster begann, auf. Er begann seine Laufbahn in dem Institut für Physiologie in Göttingen, dann galt sein klinisches Interesse der Chirurgie. Seine Geschicklichkeit beim Schälen einer Orange mit dem Messer veranlasste einen Vater, der Chirurg war, ihm dringend von einer operativen Fachrichtung abzuraten.

Zum Glück für die Pädiatrie. In Göttingen, München und Düsseldorf absolvierte er seine pädiatrische Assistenzzeit. Ein Auslandsaufenthalt 1965/66 führte ihn nach Los Angeles, dort arbeitete und forschte er an der University of Los Angeles in der Arbeitsgruppe von Arthur H. Parmelee im Department of Child Neurology. Er wurde unter Professor Joppich und später unter Professor Schröter in Göttingen Oberarzt. Dort wurde er auch habilitiert. Seine Habilitationsschrift trug den Titel Bioelektrische Reaktionen des zentralen und peripheren Nervensystems bei Hypocalcämie, Spasmophilie und Tetanie.

1980 folgte Franz-Joseph Schulte dem Ruf an die Universitätskinderklinik nach Hamburg, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1995 als Chefarzt und Ordinarius tätig war.

Das können Sie doch gut in Ihren Skiferien schreiben,“ schlug Professor Schulte auf meinen [K. Stollhoff] Einwand vor, ich könne den Forschungsantrag erst nach meinen Ferien schreiben. „Ich mache das auch so,” fügte er hinzu, „was soll man nach dem Skifahren denn sonst tun?“ Eine Auszeit gab es für ihn nicht. Nur so konnte er das enorme Arbeitspensum, das auf ihn mit Antritt seiner Stelle als Klinikleiter der Pädiatrie der Universitätsklinik Hamburg zukam, erledigen.

Neben Verwaltungsarbeiten wurde die klinische Tätigkeit nicht vernachlässigt. Bis zu seiner Emeritierung leitete er die neuropädiatrische Abteilung. Die Patienten kannte er nicht nur vom Krankenblatt sondern in der Regel auch persönlich, eine ausführliche neuropädiatrische Untersuchung war für ihn selbstverständlich. Unter seiner Leitung wurde die neuropädiatrische Abteilung des UKE europaweit bekannt, vor allem die Stoffwechselabteilung. Diagnostische „Großrundumschläge“ lehnte er ab. Von seinen Mitarbeitern und auch von sich selbst verlangte er, alles zu hinterfragen, analytisches Denken und begründetes Handeln.

Er wurde über viele Jahre bis zu seiner Emeritierung Herausgeber der Zeitschrift Neuropediatrics und war Herausgeber und Mitautor des Buches Kinderheilkunde in mehreren Auflagen. Die Gesellschaft für Neuropädiatrie ehrte sein Wirken für die Kinderneurologie nach seiner Emeritierung mit der Ehrenmitgliedschaft.

Was werden Sie machen, wenn Sie im Ruhestand sind?“ fragte er immer wieder ältere Kollegen. Noch während seiner Tätigkeit als Klinikchef des UKE trieb ihn die Sorge über die Zeit nach seiner Emeritierung. Ein Leben als Privatier kam für ihn nicht in Frage. So widmete er sich direkt nach seiner Emeritierung der Optimierung der Ausbildung der medizinischen Studierenden, wurde Studiendekan und setzte sich vehement und effektiv für ihre Interessen ein. Diese seinerzeit noch ehrenamtliche Tätigkeit als Studiendekan der Medizinischen Fakultät führte er bis 2001 aus. Bis wenige Monate vor seinem Tod war er immer wieder als Gutachter tätig. Vor allem in Hinblick auf peri-/postnatale neurologische Folgeschäden wurde immer wieder seine Expertise angefordert.

Professor Schulte war ein hervorragender Kliniker. Ein Chefarzt, der sein ganzes Fachgebiet überblickte. Wir würdigen seine herausragenden wissenschaftlichen Leistungen und seinen Beitrag zum Wohl seiner Patienten und deren Familien. Er sorgte mit großem Herzen und viel Gespür für die Ängste und Sorgen der Kinder und Jugendlichen in seiner Klinik.

Am 29.6.2019 verstarb im Alter von 89 Jahren unser ehemaliger Chefarzt Professor Franz-Joseph Schulte in Hamburg. Im Auftrag des Vorstandes der Gesellschaft für Neuropädiatrie und als Vertreter des ehemaligen Kollegiums sprechen wir seiner Familie unser aufrichtiges Beileid aus.

Hamburg, den 24. November 2019

Kirsten Stollhoff und Ulrike Ancker, Hamburg

Bild: privat


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